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«Adrenalin-Junkies sind an der Quelle»
Bericht von Franz Bamert
Nichts gegen Skitouren oder Snowboarden, Pistenfahren oder Schneeschuhwandern. Das ist alles wunderschön. Doch ein Ride mit dem Airboard katapluiert die Seele in eine andere Welt, es ist wie «hard-core-steilhang-blumenpflücken». Alles klar?
Von was, um Gottes Willen, reden die im Nebenabteil des RhB-Zugs durch den Vereina ins Engadin eigentlich? Irgendwie geht es darum «den Berg zu rocken», um Airbords und «fette offroad-rides», «kicks» und «speedpisten». Doch vor allem wird viel gelacht und liebevoll-geistreich gefrotzelt. Nach einer scheuen Anfrage meinerseits stösst «ghetto jutee», der eigentlich Ursin Tanner heisst, die Türe zu einer mir unbekannten Welt auf. Er fragt nämlich, ob ich nicht die Schneeschuhtour ins Val S-charl gegen einen Ride auf der Airboard-Piste eintauschen wolle. Gesagt, getan und äh…wow!
ADRENALIN-JUNKIES SIND AN DER QUELLE. Aber alles der Reihe nach. In Scuol wartet schon das Postauto, welches mit jeder Kurve hinauf nach Ftan ein weiteres Stück Engadin ins Blickfeld rückt. Und auf dem Sessellift gibt Matthias «sirSchildi» Schildknecht eine Einführung ins Airboarden: «Airboarden ist sehr leicht zu erlernen. Man kann das Board so gut dominieren, dass die Fahrt nur so actionreich wird, wie man möchte. Schutzausrüstung ist jedoch Pflicht: Helm, gutes Schuhwerk und Knieschoner.» Und ein bisschen «cojones» braucht es auch. Doch das ist beim ersten Mal immer und bei allem so. Die Ftaner haben extra eine Piste für die Airboarder hergerichtet, die es in sich hat: Sie «rockt und rollt», um im Jargon zu bleiben. «Auf dem Airboard empfindet man die Geschwindigkeit und die Pistenbeschaffenheit als viel extremer, weil man kopfvoran bloss etwa 30cm über dem Boden die Piste runter donnert und somit Hindernisse später auszumachen sind. Adrenalinjunkies sind also an der Quelle», meint "ghetto jutee" dazu. Es geht aber Gott sei dank auch langsamer, weil sich das Board wirklich gut beherrschen lässt. Eine leichte Körperverlagerung bewirkt umgehend einen Richtungswechsel, die Schuhspitzen dienen im Notfall als Bremse. Bremsen und ein nachfolgendes time-out lohnen sich auf jeden Fall. Denn dann hat man Musse um sich umzusehen und auf die gegenüberliegende Talseite zu schauen. Die Gefühle, die beim Anblick der scheinbar unnahbaren und tiefverschneiten Gewaltsbrocken Piz Lischana, Piz Ajuz und dem höchsten Berg des Nationalparks, dem Piz Pisoc (3172 m.) aufkeimen, haben weniger mit Adrenalin und mehr mit Bewunderung zu tun. Und einer Art von Dankbarkeit, dass es so etwas Schönes überhaupt gibt. Die meisten Airboarder haben keine Augen dafür. Macht aber nichts, sie sind jung, das wird schon noch kommen.
HAUPTSACHE, DU HAST FUN! Auf eine ganz andere Art schön ist es auch zuzusehen, wie sich Matthias und Ursin mit anderen Airboardern einen spielerischen Fight um die Pole-Position liefern. «Es ist wie eine Mischung aus Formel 1, Downhill-Biken und Schneeballschlacht», meint «sirSchildi» dazu. «Wie hard-core-steilhang-blumenpflücken – einfach geil. Es geht überhaupt nicht darum wer gewinnt, es geht darum Fun zu haben.» Etwas anderes ist es, wenn sich die Leute um sirSchildi und ghetto jutee an den Airboard Worldseries, einer Art Weltcup-Rennen, beteiligen. Dort geht es um Hundertstelsekunden und teilweise mit über 100 km/h abwärts. Geschwindigkeiten von 133,2 km/h, wie sie jutee bei seinem Weltrekord erzielte, sind nur auf high-speed Pisten möglich. Im Jahr 2005 wurde Matthias Schildknecht Gesamtzweiter der Worldseries. Doch niemand muss mit solch horrendem Tempo Kopf und Kragen riskieren. Auch Anfänger, die entsprechend langsam unterwegs sind, werden voll akzeptiert. „Easy Mann», meinen ghetto jutee und sirSchildi zum Abschied. «Nur kein Stress. Hauptsache, du hast Fun.»
Das musst du wissen:
«ghetto jutee», «sirSchildi» und ein paar andere Verrückte haben einen Funsport-Club gegründet. Die Crew heisst «bistraja», das ist russisch und bedeutet auf deutsch «schnell». Was die schnellen Bündner und Bündnerinnen sonst noch so treiben, wann sie wo racen und vieles mehr ist auf www.bistraja.ch, einer wirklich gut gemachten homepage, zu erfahren.
So kommst du hin:
Die Airboard-Piste von Ftan liegt nur einen Steinwurf entfernt: Von Landquart bis Ftan etwa dauert die Reise mit RhB und Postauto nur anderthalb Stunden. www.sbb.ch www.ftan.ch. Die Airboards können an der Talstation der Sesselbahn gemietet werden. Helm und andere Ausrüstungsgüter muss man selber mitbringen.
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